Geschichte
1847 ist das Gründungsjahr des Männerchores Opfingen. Es liegt damit genau in jenen Jahren in denen der Männerchorgesang eine breite Bevölkerungsschicht begeisterte und faszinierte. Ausgehend von der Zelterschen Liedertafel aus Berlin und Ihrem Pendant im süddeutschen Raum, das von Nägeli geprägt wurde, entwickelten sich in den dreißiger und vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts fast lawinenartig überall Männergesangsvereine. Motivation dazu waren zuerst mehr gesellige Gründe wie bei Zelter, während im süddeutschen Raum, der mehr von Nägeli geformt war, idealistische Gründe vorherrschten.
Dies geschah vor einem Hintergrund, bei dem sich die bürgerliche Musikkultur von der höfischen und kirchlichen emanzipiert hatte. Das heraufziehende romantische Zeitalter bemächtigte sich auf vielfältiger Weise des Natur-Gedankens. Damit verband sich ein neues Innewerden des nationalen Wesens, das in der Liebe zur Heimat, zur eigenen Sprache und zur eigenen musikalischen Melodie wurzelte. Dies zeigt sich dann auch folgerichtig in den gesungenen Liedern, die diesen Themenkreis überwiegend zum Inhalt haben. Allenthalben fanden Lieder- und Chorfeste statt. Das Schwabenland gilt allgemein als Vorreiter dieser Entwicklung, fand doch schon 1827 in Plochingen ein erstes Sängerfest statt.
Die Chöre aus dieser Zeit nannten sich allgemein „Liedertafel“ (bei Zelter) und „Liederkranz“ (bei Nägeli), während sich Chöre, deren Gründungen Anfangs dieses Jahrhunderts lagen, oft den Namen „Frohsinn“ oder dann mit politischem Hintergrund auch „Germania“ nannten. In der Regel folgten dann auch bald Zusammenschlüsse dieser Chöre zu Bünden. Der Badische Sängerbund wurde dann auch 1862 gegründet. Der Nationalgedanke wurde folgerichtig schon in den Satzungen dieser Bünde integriert. So wurde neben der musikalischen „Ausbildung und Veredelung des deutschen Männergesangs“ der politische Gedanke der „nationalen Zusammengehörigkeit der deutschen Stämme stärken und an der Einheit und Macht des Vaterlandes mitarbeiten“ verankert. Vergessen wir nicht, Deutschland war damals ein Sammelsurium vieler Kleinstaaten, deren gemeinsames Element in erster Linie die deutsche Sprache war. Und der Ruf nach nationaler Einheit hatte damals eine völlig andere Gewichtung als das entsprechende Vokabular vor 1933. So verficht dann auch der erste Vorsitzende des Deutschen Sängerbundes (gegr. 1862) eindeutig den Standpunkt der „konfessionellen und parteipolitischen Neutralität und Toleranz“. „Eine politische Wirksamkeit zu entfalten, dazu wären Singvereine so wenig geeignet, als sie dazu berufen sind. Im Gegenteile wirken die Singvereine versöhnend im edlesten Sinne, die Meinungsverschiedenheiten in einem höheren auflösend.“ Als das politische Ziel der Deutschen Einigung 1871 erreicht war, erfolgte folgerichtig dann auch ein kleiner Einbruch in der Verbreitung des Männerchorgesangs. Die allzu stürmische Entwicklung ging in ein allmählicheres Verbreiten des Männerchores auch in abgelegener Teile des Landes über.
Das musikalische Programm dieser Zeit änderte sich nur unwesentlich. Die Themenkreise blieben und als Höhepunkte eines Liederfestes kamen oft Massenchöre zum Vortrag, die bei der großen Zahl der Mitwirkenden nur leichte und einfachste musikalischen Elemente enthielten. Dieser Entwicklung versuchte man von musikalischer Ebene auch gegenzusteuern. So spricht 1899 der Dirigent Eduard Kremser von der „Lebensfrage“ der Chöre, „daß bei der Wahl der vorzutragenden Chöre alle Rücksichten schweigen und nur künstlerischen Erwägungen Raum gegeben wird.“ Ein Satz, der auch heute noch seine Gültigkeit hat, aber leider von vielen schon damals wie auch heute nicht ernst genommen wird. Der erste Weltkrieg brachte hier eine Zensur und beim ersten großen Bundeschorfest 1924 in Hannover, wurde erstmals der individuellen Leistung der Chöre größerer Raum gegeben. In 16 Sonderkonzerten sangen 250! Chöre meist zeitgenössische Kompositionen. Parallel zu dieser künstlerischen Neuorientierung begann man zuerst allerdings sehr zaghaft dem Sängerbund auch eine straffere und effektivere Organisation zu geben. Die künstlerische Neuorientierung wurde dann 1927 mit der erstmals durchgeführten Sängerbundeswoche bestätigt, die sich ausdrücklich von den bisherigen Bundesfesten darin unterscheiden sollte, daß sie nicht „dem deutschen vaterländischen Gedanken dient“ sondern der Betonung des künstlerischen Gegenwartsschaffen im Bereich des Männerchores. Man versprach sich davon eine Hebung des künstlerischen und musikalischen Niveaus der Chöre, die Präsentation künstlerisch unanfechtbarer Kompositionen und einen Denkanstoß für die vielen, wenn auch nur zu Besuch weilenden, Chorleiter. Höhepunkt dieser Bewegung war dann das 1928 stattfindende Chorfest mit 140 000! Teilnehmern, die im Zeichen der 100-Jahr- Feier von Schuberts Tod, nach Wien gekommen waren. Die Sängerbundeswoche 1931 in Nürnberg war noch ein voller Erfolg. Namen wie Hans Lang, Walter Rein, Armin Knab usw. tauchten hier erstmals entweder als Bearbeiter oder als Komponist zeitgenössischer Chorliteratur, die auch heute noch ihre volle Berechtigung haben und als richtungsweisend dienen. Die musikalischen Aktivitäten dieser Jahre wurden aber immer mehr von der politischen Passivseiten überschattet.
Das Beitragsaufkommen vieler Chöre ging zurück, die Arbeitslosigkeit dieser Zeit forderte immer mehr Zurückhaltung bei der finanziellen Unterstützung der musikalischen Arbeit. (Hört man dies nicht heute auch von den verantwortlichen Politikern dieser Zeit?) Um hier entgegen zu wirken, hatte 1932 die preußische Regierung ein Staatspreis von 10 000 RM zur Gewinnung neuer geeigneter Literatur ausgesetzt. Neu war hier auch erstmals die besondere Berücksichtigung der gemischten und Frauenchöre. Allerdings hatte dann die Politik doch die deutlichsten Akzente gesetzt. Erst in letzter Minute wurde die Genehmigung dieses Festes wieder ausgesprochen, nachdem sie zuerst versagt wurde. Unüberhörbar jedoch waren die patriotischen und „volksdeutschen“ Töne, die neben den musikalischen beschworen wurden. Theodor W. Ardorno formulierte dies in seiner Kritik so, daß „Gesang zur puren Ideologie ward, scheinhaft und fragwürdig bei sich selbst und gleichwohl einer ungemein großen Zahl Befriedigung verschafft“ und daß dies Problem und Ernst von Sängerfesten ausmacht.“ Die Politik setzte sich durch, die Vereinnahmung der Chöre des Deutschen Sängerbundes unter dem Dach der Reichskulturkammer wurde vollzogen. Allerdings blieb der Sängerbund als solcher erhalten und konnte weiterarbeiten, im Gegensatz zu dem in den zwanziger Jahren gegründeten DAS Deutscher Arbeiter Sängerbund, der von den Machthabern aufgelöst wurde. Das offizielle Kulturprogramm war im wesentlichen ideologiefrei ausgerichtet. Doch gerieten die Chöre selbst mehr und mehr ins Fahrwasser der Politik. Dennoch konnten auch in dieser Zeit noch viele Komponisten ihre Musikalität von den Ideologien freihalten. Hugo Distler, Wilhelm Mahler, Herrman Schröder, waren Künstler, die in Ihren Werken keine Tribut an die Machthaber zollten. Das düsterste Kapitel der Chormusik begann. Mit Ausbruch des zweiten Weltkrieges stagnierte das Chorleben vollends. Viel Chöre mußten ihre musikalischen Arbeit ebenso wie der Opfinger Männerchor vollends einstellen.
Mit dem Ende des zweiten Weltkrieges begann nicht nur in der Wirtschaftspolitik auch in der Kulturarbeit der Wiederaufbau. Viele Chöre orientierten sich noch vorsichtig an den musikalischen Vorgaben der Vergangenheit und versuchten sich mit Themen wie Heimat, Vaterland, Treue und ähnlichem an alte Traditionen anzuknüpfen. Ebenso pflegte man auch in den äußeren Formen die Gewohnheiten alter Zeiten. Gleichzeitig setzte eine starke Welle musikalischer Zielvorgaben ein, die bis heute als die eigentliche Aufgaben unserer Kulturarbeit gelten. Im Zentrum aller Überlegungen stehen heute die musikalischen Akzente. Alles Andere hat sich der Kulturarbeit unterzuordnen. Und viele Chöre mußten drastisch erleben, was es bedeutet, die Zeichen der Zeit nicht zu erkennen. Das Sterben so manches Männerchores in der Vergangenheit ist sehr oft auf derartigem Festhalten an altgewohnten und anscheinend bewährten Traditionen und Formen zurückzuführen. Heute muß die musikalische Arbeit eines Chores auch ausdrücklich die Fortentwicklung menschlicher Ziele beinhalten. Nur ein auch menschlichen Zielen des Gemeinsamen, des Miteinander, des sich in den Dienst Anderer Stellenden, die eigenen Bedürfnisse zugunsten Anderer Zurückstellenden, des Dienens am Nächsten, aufgeschlossener Sänger hat heute die Kraft und die geistigen Fähigkeiten, sich den Erfordernissen unserer Tage zu stellen und sie zu meistern. Hier wird wieder eine Brücke geschlagen zu den Gründervätern des Männerchores. Karl Gerstner, Festredner bei den Nürnberger Chortagen formulierte dies 1861 so: „Wir aber, geliebte Sanges- und Bundesbrüder, wollen fortfahren des deutschen Liedes einigende, erhebende sittigende Kraft auszubreiten über alle Deutsche, weß Stammes, weß Glaubens, weß Standes sie auch seien.“ Ist auch der Pathos vergangener Zeiten vergangen, so ist die Idee des Verbindenden, des Verständnis für Andere aufbringen, indem man sich mit deren Musik beschäftigt, sie ergründet um Ihn, meinen Mitmenschen besser verstehen zu können, geblieben. „Singen heißt Verstehen“, die Leitlinie des Deutschen Sängerbundes heute, bringt es gemäß unserer Zeit auf die so übliche Kurzformel. Sie war schon immer Leitlinie für das Leben innerhalb der Chorgemeinschaften, auch innerhalb des Männerchores Opfingen, und wird sie auch bleiben.

